Nährstoffe

Drei Nährstoff-Mythen, die nicht stimmen

2026-06-10 · 591 Wörter

Ein Ausdauersportler fragt, ob er nach dem Training unbedingt ein Steak braucht. Eine Freundin vermeidet Hülsenfrüchte als Hauptproteinquelle, weil sie gehört hat, Pflanzenprotein sei „unvollständig". Und jemand anderes ist überzeugt, dass Flexitarier und Veganer früher oder später einen Mangelstatus entwickeln. Alle drei Überzeugungen kursieren seit Jahrzehnten – und alle drei sind entweder falsch oder zumindest stark vereinfacht. Drei Mythen, die eine Korrektur verdienen.

Mythos 1: Du musst Protein in jeder Mahlzeit kombinieren

Die Idee stammt aus einem Ernährungsbuch der 1970er Jahre: Pflanzliche Proteine haben unterschiedliche Aminosäureprofile, also müsse man sie innerhalb einer Mahlzeit kombinieren – Reis mit Bohnen, Brot mit Hummus –, damit der Körper „vollständiges" Protein bekommt. Das Problem: Diese These ist überholt. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) und die meisten Ernährungswissenschaftler gehen heute davon aus, dass der Körper einen sogenannten freien Aminosäurepool unterhält. Aus diesem Pool kann er fehlende Aminosäuren über den Tag verteilt auffüllen, solange die Gesamtzufuhr stimmt. Eine strenge Kombination innerhalb von 30 Minuten ist nicht notwendig.

Praktisch bedeutet das: Wer tagsüber eine Vielfalt pflanzlicher Proteinquellen isst – Linsen, Nüsse, Getreide, Tofu, Erbsen –, deckt seinen Bedarf ohne Mahlzeit-Tetris. Die Regel „alles in einer Schüssel" war gut gemeint, aber biochemisch zu eng gedacht.

Mythos 2: Veganer haben zwangsläufig Mängel

Dieser Mythos enthält einen wahren Kern – aber nur einen. Vitamin B12 ist in pflanzlichen Lebensmitteln praktisch nicht bioverfügbar. Das ist kein Mythos, das ist Biochemie. Wer kein Fleisch, Milch oder Eier isst, braucht ein Supplement oder angereicherte Lebensmittel. Punkt.

Bei anderen Nährstoffen sieht die Datenlage differenzierter aus. Die EPIC-Oxford-Studie, eine große prospektive Kohortenstudie aus Großbritannien mit über 60.000 Teilnehmern, zeigte, dass Veganer und Vegetarier bei Kalzium, Eisen und Zink im Schnitt niedrigere Spiegel hatten als Fleischesser – aber nicht automatisch klinisch mangelhafte Werte. Viele pflanzliche Ernährungsformen liefern reichlich Folsäure, Magnesium und sekundäre Pflanzenstoffe. Eisenmangel existiert übrigens auch bei Omnivoren, besonders bei Frauen.

Einschränkung: Observationsstudien wie EPIC-Oxford zeigen Zusammenhänge, keine Kausalität. Außerdem unterscheiden sich die Ergebnisse je nach Region, Lebensweise und individueller Absorption stark. Wer stark einschränkt, was er isst – ob vegan oder nicht –, sollte gelegentlich seinen Status checken lassen. Das ist pragmatisch, kein Zeichen von Scheitern.

Mythos 3: Ohne Fleisch fehlt Sportlern die Kraft

Muskeln brauchen Protein, das stimmt. Aber die Annahme, nur tierisches Protein könne Muskeln aufbauen, ist nicht haltbar. Entscheidend ist die Gesamtmenge an Protein und die Versorgung mit essenziellen Aminosäuren über den Tag – nicht die Quelle. Hülsenfrüchte, Tofu, Tempeh, Seitan und Erbsenprotein liefern alle relevanten Aminosäuren, wenn die Menge stimmt.

Für Kraftsportler wird häufig eine Proteinzufuhr von 1,6 bis 2,2 g pro Kilogramm Körpergewicht täglich empfohlen. Das lässt sich pflanzlich erreichen – erfordert aber mehr Planungsaufwand als ein Hähnchenfilet, das ist ehrlich. 200 g Tofu liefern rund 16 g Protein; 200 g gekochte Linsen etwa 18 g. Wer also 70 kg wiegt und 120 g Protein täglich braucht, kommt mit einer Kombination aus mehreren pflanzlichen Quellen problemlos hin.

Die Adventist Health Study 2, eine Beobachtungsstudie mit über 70.000 Teilnehmern in den USA, zeigte keine systematisch schlechtere körperliche Leistungsfähigkeit bei Vegetariern. Hochleistungssport und vollständig pflanzliche Ernährung schließen sich nicht aus – verlangt aber mehr Aufmerksamkeit bei der Kalorien- und Nährstoffplanung als bei gemischter Kost.

Kurz zusammengefasst: Du musst keine Proteine im Minutentakt kombinieren, Veganer sind nicht automatisch mangelernährt (außer bei B12, das ist real), und Muskeln lassen sich auch mit Linsen aufbauen. Das bedeutet nicht, dass pflanzliche Ernährung immer einfacher oder besser ist – nur dass die Mythen dagegen schlechter gealtert sind als oft angenommen. Wer gelegentlich ein Steak isst, muss sich keine Sorgen machen. Und wer es lässt, auch nicht.

Weiter in Nährstoffe