Was ist Flexitarismus?

Wer hat 'Flexitarier' erfunden? Dawn Jackson Blatner und ihr Buch

2026-06-10 · 597 Wörter

Das Wort „Flexitarier" klingt, als hätte es immer existiert – als wäre es einfach der logische Begriff für das, was viele Menschen ohnehin schon tun. Dabei lässt sich seine Herkunft ziemlich genau datieren: Die amerikanische Ernährungsberaterin Dawn Jackson Blatner hat ihn 2009 mit ihrem Buch The Flexitarian Diet populär gemacht. Was sie damit auslöste, ist größer als sie damals vermutlich ahnte.

Was Blatner eigentlich wollte

Blatners Ansatz war pragmatisch, fast provokant simpel: Du musst kein Vegetarier sein, um gesünder zu essen und deinen Fleischkonsum zu senken. Ihr Buch richtet sich explizit an Menschen, die keine radikale Ernährungsumstellung wollen – die aber merken, dass sie zu viel Fleisch essen. Das Konzept funktionierte über Stufen: Wer gerade anfängt, reduziert Fleisch auf etwa fünf Mahlzeiten pro Woche mit je rund 170 Gramm. Fortgeschrittene kommen auf zwei bis drei Mahlzeiten. Wer richtig dabei ist, landet bei maximal einer fleischhaltigen Mahlzeit pro Woche.

Blatner war keine Ideologin. Sie versprach keine moralische Überlegenheit, sondern argumentierte mit Gesundheitsdaten: pflanzlich betonte Ernährung, weniger gesättigte Fettsäuren, mehr Ballaststoffe. Ihre Zielgruppe war die stille Mehrheit, die sich zwischen Currywurst und Quinoa-Bowl bewegt – und sich in keiner dieser Welten vollständig wiederfindet.

Wie das Konzept international aufgenommen wurde

Das Wort selbst war nicht neu. Das Merriam-Webster Dictionary hatte „flexitarian" bereits 2003 als informellen Begriff aufgenommen, als Kombination aus „flexible" und „vegetarian". Aber erst Blatners Buch gab dem Begriff ein Gesicht, eine Struktur und eine Leserschaft. In Deutschland dauerte es ein paar Jahre, bis „Flexitarier" in Ernährungsratgebern und Zeitungsartikeln auftauchte – heute ist er im Duden.

International wurde das Konzept vor allem durch zwei Faktoren größer: erstens durch wachsendes Bewusstsein für die Klimawirkung von Fleischproduktion (Poore & Nemecek zeigten 2018 in Science, dass Ernährung für rund 26 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich ist, mit Tierhaltung als größtem Einzelfaktor), und zweitens durch den EAT-Lancet-Bericht 2019, der eine „planetary health diet" beschrieb, die dem flexitarischen Ansatz strukturell ähnelt: viel Gemüse, Hülsenfrüchte, Vollkorn – und deutlich weniger Fleisch als westliche Durchschnittsdiäten enthalten.

Die Kritik – von verschiedenen Seiten

Wer einen Begriff populär macht, lädt auch Kritik ein. Die kam aus mehreren Richtungen:

  • Von veganer Seite: Der Begriff gebe Menschen eine bequeme Selbstbezeichnung, ohne dass sich wirklich etwas ändere. Wer dreimal die Woche Fleisch isst und sich „Flexitarier" nennt, betreibe eher Rebranding als Reduktion.
  • Von Ernährungswissenschaftlern: Blatners Stufenmodell klingt konkret, ist aber in der Praxis schwer messbar. Was ist eine „Fleischmahlzeit"? Gilt Brühe? Zählt Wurst auf dem Sandwich? Die Definition bleibt bewusst weich.
  • Von der Lebensmittelindustrie: Das Label „flexitarisch" wurde schnell von Marketingabteilungen vereinnahmt. Produkte, die schlicht weniger Fleisch enthalten, wurden als „flexitarisch" vermarktet – was den Begriff zunehmend verwässerte.

Eine faire Einschränkung lohnt sich hier: Blatners Buch basiert zwar auf einem sinnvollen Grundprinzip, stützt sich aber teils auf Beobachtungsstudien wie die EPIC-Oxford-Kohorte oder die Adventist Health Studies, die Zusammenhänge zeigen, aber keine Kausalität beweisen. Wer weniger Fleisch isst, lebt oft auch insgesamt gesundheitsbewusster – das macht die Datenlage schwer zu isolieren.

Was vom Begriff übrig blieb

Heute ist „Flexitarier" zu einem kulturellen Konzept geworden, das über Blatners ursprüngliches Stufenmodell hinausgewachsen ist. Es bezeichnet schlicht jemanden, der bewusst weniger Fleisch isst, ohne Vegetarier oder Veganer zu sein. Die exakten Gramm-Angaben aus dem Buch zitiert kaum noch jemand. Was blieb, ist die Grundidee: Reduktion ohne Verbot.

Ob das gut oder schlecht ist, hängt davon ab, was man erwartet. Als politische Bewegung taugt der Begriff wenig. Als alltagstaugliche Haltung funktioniert er gut – weil er niemandem etwas verbietet und trotzdem eine Richtung vorgibt. Blatners eigentliche Leistung war vielleicht weniger das Konzept als die Erlaubnis: Du musst kein Alles-oder-nichts-Mensch sein, um etwas zu verändern.

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