Was ist Flexitarismus?

Was ist Flexitarismus eigentlich? Eine ehrliche Definition

2026-06-10 · 656 Wörter

Ungefähr jeder dritte Deutsche bezeichnet sich laut aktuellen Umfragen als „Flexitarier" – aber fragt man nach, was das konkret bedeutet, kommen zehn verschiedene Antworten. Manche essen täglich Fleisch, „aber weniger als früher". Andere nur sonntags. Wieder andere haben den Begriff schlicht als modisches Label für das übernommen, was sie schon immer getan haben. Das ist kein Vorwurf, wirft aber eine berechtigte Frage auf: Was ist Flexitarismus eigentlich?

Der Begriff und seine Herkunft

Die amerikanische Ernährungsberaterin Dawn Jackson Blatner prägte den Begriff 2009 in ihrem Buch „The Flexitarian Diet". Ihre Idee war pragmatisch und ohne Dogma: vorwiegend pflanzlich essen, gelegentlich aber Fleisch, Fisch oder andere tierische Produkte – ohne feste Regeln, ohne Verbote, ohne schlechtes Gewissen. Das Kunstwort setzt sich aus „flexible" und „vegetarian" zusammen und beschreibt damit schon im Namen, was es ist: ein Vegetarismus mit Ausnahmen.

Blatner selbst schlug damals eine konkrete Orientierung vor: An fünf Tagen pro Woche kein Fleisch, an zwei Tagen ist es erlaubt. Das ist natürlich keine Pflicht. Aber es zeigt, dass „gelegentlich" ursprünglich durchaus quantifiziert war – und nicht einfach bedeutete: „weniger als mein Nachbar".

Wie viel ist „manchmal" – was sagen Studien?

Wer nach wissenschaftlich verwendeten Definitionen sucht, stößt auf unterschiedliche Schwellenwerte. Studien, die Flexitarier als eigene Gruppe untersuchen – etwa im Rahmen der EPIC-Oxford-Kohorte oder der Adventist Health Studies – ziehen die Grenze häufig bei ein- bis dreimal Fleisch pro Woche. Manche Definitionen sprechen von maximal 70 Gramm rotem oder verarbeitetem Fleisch pro Tag (das ist in etwa eine kleine Portion), andere orientieren sich an der Häufigkeit pro Woche.

Ein wichtiger Hinweis: Diese Studien sind observational. Sie beobachten, was Menschen essen und wie sich das auf ihre Gesundheit auswirkt – aber sie beweisen keine direkte Kausalität. Wer in diesen Studien weniger Fleisch isst, hat häufig auch andere gesundheitsfördernde Gewohnheiten. Dass weniger Fleisch automatisch gesünder macht, lässt sich daraus nicht ohne Weiteres ableiten.

Für die Umwelt sind die Zahlen etwas greifbarer. Die viel zitierte Analyse von Poore & Nemecek (2018) zeigt, dass tierische Produkte – insbesondere Rind – überproportional viel Treibhausgase, Land und Wasser beanspruchen. Die EAT-Lancet-Kommission (2019) empfiehlt für eine „planetary health diet" maximal etwa 98 Gramm rotes Fleisch pro Woche. Das entspricht ungefähr einer kleinen Portion – nicht drei.

Abgrenzung: Was ist Flexitarismus nicht?

Es hilft, den Begriff gegen verwandte Konzepte abzugrenzen:

  • Vegetarismus: Kein Fleisch, kein Fisch – konsequent. Milchprodukte und Eier sind meist erlaubt. Flexitarismus ist das nicht, auch wenn die Richtung ähnlich ist.
  • Veganismus: Keine tierischen Produkte, keine Ausnahmen. Hier geht es oft um eine ethische Grundhaltung, nicht nur um Ernährung. Flexitarismus ist das Gegenteil von dogmatisch.
  • Pescetarismus: Kein Fleisch, aber Fisch. Das ist eine feste Regel – kein „manchmal". Ein Pescetarier, der gelegentlich Huhn isst, ist streng genommen kein Pescetarier mehr, sondern eher Flexitarier.
  • Reducetarianism: Ein neuerer Begriff, geprägt von Brian Kateman, der den Fokus noch stärker auf die Reduktion legt – unabhängig vom Ausgangsniveau. Wer von täglich auf dreimal die Woche kommt, ist hier genauso willkommen wie jemand, der von dreimal auf einmal geht. Das ist dem Flexitarismus sehr ähnlich, aber noch breiter gefasst.

Der wesentliche Unterschied: Flexitarismus beschreibt einen Zustand, Reducetarianism beschreibt eher eine Bewegung in eine Richtung. Beides schließt sich nicht aus.

Was der Begriff leistet – und was nicht

„Flexitarier" ist kein geschützter Begriff, keine Diät mit Zertifikat und kein Versprechen. Er beschreibt eine Haltung: Pflanzliches steht im Mittelpunkt, Fleisch kommt vor, aber nicht täglich und nicht gedankenlos. Ob das gesünder, nachhaltiger oder moralisch besser ist als das Essverhalten des Durchschnittsdeutschen – ja, in der Tendenz schon, aber das hängt stark davon ab, was konkret auf dem Teller landet und woher es kommt.

Wenn du Fleisch dreimal die Woche isst, aber bewusst, regional und in normalen Mengen – dann passt der Begriff. Wenn du dir nur selbst das Etikett aufklebst, um nicht weiter nachdenken zu müssen, hilft er dir wenig. Das ist keine Kritik, sondern nur eine Beobachtung: Ein Label ersetzt keine Auseinandersetzung mit dem, was man isst.

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