Nachhaltigkeit

Pescetarier mit gutem Gewissen? Die Fischfrage

2026-06-10 · 609 Wörter

Rund 35 Prozent der weltweiten Fischbestände gelten laut FAO als überfischt – Tendenz seit Jahrzehnten steigend. Wer Fleisch reduziert und stattdessen mehr Fisch isst, tut also nicht automatisch etwas Gutes für den Planeten. Das macht die Pescetarier-Idee nicht wertlos, aber sie braucht mehr Genauigkeit als ein pauschales „Fisch statt Fleisch".

Was die FAO-Zahlen wirklich bedeuten

Die FAO veröffentlicht regelmäßig ihren „State of World Fisheries and Aquaculture"-Bericht. Die 35-Prozent-Zahl stammt aus der aktuellen Ausgabe und beschreibt Bestände, die biologisch nicht nachhaltig bewirtschaftet werden – also über ihrer Regenerationskapazität befischt werden. Weitere rund 57 Prozent gelten als „maximal ausgelastet", haben also kaum Spielraum nach oben. Nur etwa 8 Prozent könnten noch stärker befischt werden, ohne Schaden zu nehmen.

Wichtig zum Einordnen: Diese Zahlen basieren auf gemeldeten Daten der Mitgliedsstaaten, die in Qualität und Vollständigkeit stark variieren. Manche Forscher vermuten, dass der reale Anteil überfischter Bestände noch höher liegt. Die FAO-Statistik ist also ein Mindestbefund, kein beruhigendes Zertifikat.

MSC-Siegel und Aquakultur: Lösungen mit Einschränkungen

Das Marine Stewardship Council (MSC) zertifiziert Wildfischerei nach Nachhaltigkeitskriterien. Die Grundidee ist sinnvoll: unabhängige Kontrolle, Anreize für besseres Management. In der Praxis gibt es aber Kritik. Umweltorganisationen wie der WWF und Wissenschaftler haben wiederholt bemängelt, dass einzelne MSC-zertifizierte Fischereien ökologisch problematisch sind – etwa weil Beifang oder Ökosystemwirkungen unzureichend bewertet werden. Das Siegel ist ein Orientierungspunkt, kein Freifahrtschein.

Aquakultur klingt nach der eleganten Lösung: kein Wildfang, kontrollierte Bedingungen. Tatsächlich wächst der Sektor stark und deckt heute mehr als die Hälfte des globalen Fischkonsums. Aber auch hier ist die Bilanz gemischt:

  • Lachszucht: Braucht erhebliche Mengen Wildfischmehl als Futter – löst also das Überfischungsproblem nicht vollständig, sondern verschiebt es.
  • Garnelenzucht: Besonders in Südostasien mit massiver Mangrovenzerstörung verbunden, was enorme CO₂-Mengen freisetzt.
  • Muscheln und Austern: Filtrieren Wasser, brauchen kein Futtermittel, verbessern sogar lokal die Wasserqualität. Ökologisch deutlich besser gestellt.
  • Karpfen, Tilapia: Pflanzenfresser, effiziente Futterverwertung – in der Süßwasseraquakultur vergleichsweise nachhaltig.

Welche Arten sind einigermaßen unbedenklich – welche nicht?

Der NABU veröffentlicht regelmäßig Einkaufsratgeber für Fisch, ebenso Greenpeace und der WWF. Die Bewertungen weichen im Detail manchmal voneinander ab, weil sie unterschiedliche Kriterien gewichten. Einige grobe Orientierungspunkte, die sich über die Listen hinweg häufig decken:

Eher vermeiden:

  • Wildlachs aus dem Atlantik (stark dezimierte Bestände)
  • Thunfisch, besonders Blauflossen-Thunfisch
  • Seezunge aus der Nordsee
  • Tropische Riesengarnelen ohne gesichertes Herkunftszertifikat
  • Aal (europäischer Aal gilt als vom Aussterben bedroht)

Vergleichsweise unkritischer:

  • Alaska-Seelachs mit MSC-Zertifikat (einer der am besten bewirtschafteten Bestände weltweit)
  • Sardinen, Makrele, Hering aus nordostatlantischen Beständen
  • Pazifischer Wildlachs aus Alaska (MSC-zertifiziert)
  • Forelle und Karpfen aus heimischer Aquakultur
  • Miesmuscheln aus europäischer Zucht

Diese Listen sind keine statische Wahrheit. Bestandssituationen ändern sich, manchmal zum Besseren. Es lohnt sich, die Ratgeber alle paar Jahre neu zu prüfen.

Gesundheit: Was die Forschungslage sagt – und wo sie unsicher ist

Fisch, besonders fettreicher Seefisch, liefert Omega-3-Fettsäuren (EPA und DHA), die in pflanzlichen Quellen so nicht vorkommen. Studien deuten auf Vorteile für Herz-Kreislauf-Gesundheit hin, aber die Forschungslage ist bei weitem nicht so eindeutig, wie Fischöl-Marketing suggeriert. Mehrere große Metaanalysen haben widersprüchliche Ergebnisse geliefert. Die DGE empfiehlt ein bis zwei Portionen Fisch pro Woche, sieht das aber als Orientierungswert, nicht als bewiesene Schutzformel. Wer keinen Fisch isst, kann EPA und DHA über Algenöl-Präparate aufnehmen – das ist die ursprüngliche Quelle, aus der Fische sie letztlich akkumulieren.

Pescetarismus ist kein Selbstläufer in Sachen Nachhaltigkeit, aber er kann sinnvoll sein – wenn man ihn mit ein bisschen Artenwissen betreibt. Faustregel: kleine, kurzlebige Fische aus gut bewirtschafteten Beständen schlagen in der Ökobilanz fast immer Raubfische aus der Spitze der Nahrungskette. Wer einmal pro Woche Hering statt Thunfisch kauft und gelegentlich auf den Einkaufsratgeber des NABU schaut, ist schon deutlich weiter als der Durchschnittsverbraucher – ohne dafür Askese betreiben zu müssen.

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