Nachhaltigkeit

Regional und saisonal — wichtiger als pflanzlich?

2026-06-10 · 574 Wörter

Ein Biorindhof 30 Kilometer entfernt, ein Tofu aus deutschen Supermärkten mit Soja aus Brasilien — was ist die nachhaltigere Wahl? Die Antwort fühlt sich intuitiv klar an. Sie ist es aber nur teilweise.

Transport ist kleiner als du denkst

Das ist der wichtigste Punkt, den viele Nachhaltigkeitsdiskussionen überspringen: Der Transport macht beim Lebensmittel-CO₂-Fußabdruck meist weniger als 10 % aus. Die Analyse von Poore & Nemecek (2018), die über 38.000 Betriebe weltweit auswertete, zeigt das deutlich — die größten Hebel liegen in der Landnutzung und der Produktionsweise, nicht in der letzten Meile. Ein Kilogramm Rindfleisch erzeugt im globalen Durchschnitt etwa 60 kg CO₂-Äquivalente, Tofu liegt bei rund 3 kg. Selbst wenn du den Transportaufwand für Soja aus Übersee einrechnest, bleibt die pflanzliche Variante in den meisten Szenarien deutlich besser — und das gilt auch für Bio-Rind aus der Region.

Das klingt nach einem klaren Ergebnis. Ist es auch. Aber „meist deutlich besser" ist nicht dasselbe wie „immer und überall besser" — und da fängt es an, interessant zu werden.

Wo regionales Fleisch tatsächlich aufholt

Extensive Weidehaltung auf Grünland, das sich nicht für Ackerbau eignet, sieht in der Ökobilanz anders aus als industrielle Stallhaltung. Tiere, die auf artenreichem Dauergrünland weiden, können zur Humusbildung beitragen und Flächen erhalten, die andernfalls brachliegen oder aufgeforstet würden. Wie groß dieser Effekt ist und ob er die Methanemissionen aufwiegt, ist in der Forschung umstritten — hier gibt es keine Einigkeit, und die Zahlen hängen stark von Boden, Klima und Bewirtschaftung ab.

Was aber stimmt: Ein gut geführter Biobetrieb um die Ecke ist in puncto Biodiversität, Tierwohl und Flächennutzung oft besser als konventionelle Alternativen — egal ob tierisch oder pflanzlich. Die Vereinfachung „pflanzlich schlägt alles" greift hier zu kurz. Relevant ist, welches Pflanzliche und welches Tierische verglichen wird.

Die Pflanzlichen, die keine Heiligen sind

Drei Beispiele, die zeigen, dass „pflanzlich" allein kein Freifahrtschein ist:

  • Avocados: Der Wasserverbrauch liegt je nach Quelle zwischen 200 und über 1.000 Liter pro Frucht — die Schätzungen variieren stark je nach Region und Anbauweise. In wasserarmen Regionen Chiles oder Perus, wo viele Importavocados herkommen, ist das ein echtes Problem. Der CO₂-Fußabdruck ist dagegen vergleichsweise moderat.
  • Importierte Beeren im Winter: Erdbeeren aus Marokko oder Heidelbeeren aus Chile haben durch Luftfracht oder lange Kühlketten einen deutlich höheren Transportanteil als die meisten anderen Lebensmittel — hier ist Herkunft tatsächlich ein Faktor. Wer im Februar Erdbeeren kauft, zahlt ökologisch einen realen Aufpreis.
  • Mandeln: Rund 80 % der Weltproduktion kommt aus Kalifornien, einer der wasserknappsten Regionen der USA. Eine Mandel benötigt etwa 4 Liter Wasser. Das ist kein Argument gegen gelegentlichen Mandelgenuss, aber ein Argument gegen den Reflex, Mandelmilch als automatisch grüne Wahl zu sehen.

Was das in der Praxis bedeutet

Die Forschungslage bleibt eindeutig: Im Durchschnitt ist eine pflanzenreiche Ernährung mit weniger Fleisch die ressourcenschonendere Wahl — das zeigen Poore & Nemecek (2018) und auch die EAT-Lancet-Kommission (2019) übereinstimmend. Das gilt trotz aller Nuancen.

Aber die Nuancen haben einen Wert: Sie verhindern, dass Nachhaltigkeit zu einem Markierungsspiel wird, bei dem Tofu automatisch gut und Fleisch automatisch böse ist. Wer regionales Saisongemüse essen will und dazu gelegentlich ein Stück Fleisch vom Biohof in der Nähe, handelt ökologisch wahrscheinlich besser als jemand, der im Winter Avocadotoast mit Beeren aus Übersee isst und sich dabei auf der sicheren Seite wähnt.

Die ehrliche Antwort auf die Eingangsfrage lautet also: meist pflanzlich, aber die Herkunft spielt eine echte Rolle. Saisonal und regional ist kein Ersatz für weniger Fleisch — es ist eine sinnvolle Ergänzung.

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