Könnte sich die Welt vegetarisch ernähren? Die ehrliche Antwort
Die Frage klingt abstrakt, hat aber eine überraschend konkrete Antwort: Ja, technisch gesehen könnte die Welt von rund 10 Milliarden Menschen bis 2050 ohne Fleisch auskommen – und trotzdem ausreichend Kalorien und Nährstoffe bekommen. Die EAT-Lancet-Kommission hat das 2019 in einem vielzitierten Report durchgerechnet. Aber die ehrliche Antwort hört da nicht auf.
Was die EAT-Lancet-Kommission tatsächlich gesagt hat
Der Bericht von 2019, an dem über 30 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus 16 Ländern mitgearbeitet haben, beschreibt die sogenannte Planetary Health Diet. Sie ist kein strikter Veganismus, aber sie sieht radikale Veränderungen vor. Die Richtwerte für rotes Fleisch: maximal etwa 14 Gramm pro Tag – das entspricht ungefähr einem kleinen Würfel Rindfleisch oder einer halben Scheibe Schinken. Pro Woche also rund 100 Gramm. Zum Vergleich: In Deutschland liegt der durchschnittliche Pro-Kopf-Verbrauch bei Fleisch insgesamt bei über 50 Kilogramm im Jahr, ein großer Teil davon rotes Fleisch.
Die Kommission fordert außerdem eine massive Ausweitung von Hülsenfrüchten, Nüssen, Gemüse und Vollkornprodukten. Nicht weil das moralisch besser ist, sondern weil die Berechnungen zeigen: Nur so bleibt die globale Nahrungsmittelproduktion innerhalb der planetaren Belastungsgrenzen – bei Treibhausgasen, Landnutzung, Süßwasserverbrauch und Stickstoffeinträgen gleichzeitig. Poore & Nemecek (2018) hatten zuvor gezeigt, dass tierische Produkte etwa 83 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche beanspruchen, aber nur 18 Prozent der globalen Kalorien liefern. Das ist der strukturelle Kern des Problems.
Theoretisch ja – aber unter welchen Bedingungen?
Die Ernährung von 10 Milliarden Menschen funktioniert im EAT-Lancet-Modell nur unter einer Reihe von Voraussetzungen, die nicht selbstverständlich sind:
- Dramatisch weniger Lebensmittelverschwendung (aktuell geht etwa ein Drittel aller produzierten Lebensmittel verloren)
- Veränderte Anbaumuster auf nahezu allen Kontinenten – mehr Hülsenfrüchte, weniger Weideland
- Gerechtere Verteilung: Regionen, die heute unterversorgt sind, müssten mehr bekommen; Regionen wie Europa oder Nordamerika deutlich weniger tierische Produkte konsumieren
- Kein weiterer Verlust von Biodiversität durch Landnutzungsänderungen
Das ist kein unrealistisches Szenario im wissenschaftlichen Sinn – aber es ist ein politisches Programm, kein persönliches Ernährungsziel. Wer morgen auf Fleisch verzichtet, verändert deshalb noch keine Agrarsubventionen, keine Handelspolitik und keine Anbaustruktur in Brasilien oder der EU.
Was das für den Einzelnen bedeutet – und was nicht
Hier lohnt es sich, ehrlich zu sein: Die Planetary Health Diet ist kein Aufruf zur individuellen Perfektion. Sie beschreibt ein globales Durchschnittsziel. Das bedeutet auch: In manchen Regionen der Welt – etwa in weiten Teilen Afrikas oder Zentralasiens – spielt Tierhaltung eine ernährungssichernde Rolle, die pflanzliche Alternativen allein aktuell nicht ersetzen können. Weidewirtschaft auf Flächen, die sich nicht für Ackerbau eignen, hat ihren Platz im Modell – nur eben in deutlich geringerem Umfang als heute üblich.
Ein wichtiger Einwand: Die EAT-Lancet-Studie ist kein klinischer Trial, sondern eine Modellrechnung. Sie trifft Annahmen über Erträge, Technologie und menschliches Verhalten, die nicht unumstritten sind. Einige Ernährungswissenschaftler kritisieren, dass der Bericht Nährstoffversorgung aus pflanzlichen Quellen zu optimistisch bewertet – etwa bei Eisen, Zink oder Vitamin B12 in Bevölkerungen mit ohnehin unsicherer Versorgung.
Warum individuelle Entscheidungen trotzdem nicht sinnlos sind
Das klingt jetzt nach: „Macht eh keinen Unterschied." Stimmt aber nicht ganz. Nachfrage beeinflusst Produktion. Weniger Fleischkonsum in wohlhabenden Ländern verringert real den Druck auf Ressourcen – auch wenn ein einzelnes Schnitzel weniger die Weltpolitik nicht bewegt. Die EPIC-Oxford-Studie und andere Beobachtungsstudien zeigen, dass Menschen mit geringem Fleischkonsum im Durchschnitt einen kleineren ökologischen Fußabdruck haben. Wobei: Observationsstudien können Korrelationen zeigen, aber keine Kausalität beweisen, und Ernährungsmuster hängen stark mit anderen Lebensstilfaktoren zusammen.
Die nüchterne Zusammenfassung: Die Welt könnte sich anders ernähren. Der Engpass ist nicht die Biologie, sondern die Politik. Wer weniger rotes Fleisch isst, handelt in die richtige Richtung – aber ohne strukturelle Veränderungen bleibt es ein Tropfen. Beides stimmt gleichzeitig, und das auszuhalten ist ehrlicher als jede einfache Antwort.